Bitte melden Sie sich hier an:

SSW2852

Im Südosten Österreichs findet sich ein feines Fleckchen Erde, das man hier gar nicht vermutet: ein betörendes Rebenmeer, mit seinen Hügelketten und Weingütern an ein prominentes Stück Italien erinnernd.

„Who the fuck is the Toskana“, denke ich spontan beim ersten Kontakt mit der Südsteirischen Weinstraße, ein mehr als perfektes Abbild der italienischen Vorzeigeregion. Und da Spielfeld deutlich näher liegt als Siena, dürfte zu verschmerzen sein, dass diese Bilderbuchlandschaft vergleichsweise klein ist. Für alle, die sich nicht einfach ziellos treiben lassen möchten, zwei Routenvorschläge:


Tour 1: Die Pässe an der Südsteirischen Weinstraße


SSW2564Kurz hinter dem Motocamp Las Legas, einer Bikerkneipe in Spielfeld an der 67 vor der slowenischen Grenze, rechts durch eine Unterführung Richtung Obegg. Gesäumt von Sonnenblumen und Wein, schraubt sich das Sträßchchen bergan. Grüne Schilderwände, die aussehen wie Tannenbäume, verweisen auf die vielen Höfe und Betriebe an der Südsteirischen Weinstraße. Einer davon ist in Glanz das Weingut Mahorko. Juniorchef Helmut entpuppt sich nicht nur als mehrfach dekorierter Winzer, sondern auch als begeisterter V-Rod-Fahrer – und ist damit, ebenso wie sein Motorradkumpel Oliver, ein idealer Begleiter. Zusammen geht’s am Weingut Mahorko links ab Richtung Slowenien und Langegg. Die Alte Weinstraße hat satte 18% (nicht Promille) Gefälle, mal hängt der Heiland, mal der heilige Aloisius beschützend am Wegesrand. Bei so viel Beistand kann es kaum schaden, dass hier nicht für jeden Abzweig Platz ist im Text. Es gilt, quasi als elftes Gebot: Ruhig mal mutig was riskieren, irgendwie kommt man immer wieder zurück auf den rechten Weg. Zum Beispiel zum SSW0709Aussichtspunkt Eory-Kogel, wo man die größte Weintraube der Welt findet. In Leutschach ist mit der toskanesken Landschaft vorerst Schluss, und statt Wein wird jetzt Hopfen angebaut. Vorbei am Motorradtreff Route 69 brennen wir auf der, richtig, 69 schnurstracks nach Eibiswald, nehmen dort einen schnellen Kaffee in Gaby’s Treff, gleichzeitig Clublokal des Weststeirischen Oldtimer Clubs, und biegen dann links ab zum Radlpass. Der ist nur 650 Meter hoch, aber immerhin mit ein paar kernigen Serpentinen gesegnet. Auf der anderen Seite geht’s, jetzt in Slowenien, nicht minder kehrenreich hinab ins Tal der Drava. Am Fluss lang bis zum österreichische Lavamünd und dort rechts ab nach Eibiswald. „Jeder Besucher der Steiermark fährt da hin, wir Einheimische mindestens einmal pro Woche“, stimmt Helmut auf die „Soboth“ ein. Die Passstraße zum 1349 Meter hohen Koglereck wartet mit einer erlesenen Mischung aus dem Kurvenbaukasten auf – und Tempo 70 für einspurige Fahrzeuge. Und führe uns nicht in Versuchung ... Der erliegt man dann gerne am Biker-Treff Kärntnerblick, wenn dort Gerhild Skorianz wie seit nunmehr 18 Jahren leckere Pommes reicht. Dazu ein Häppchen Frühgeschichtliches: Einst war hier alles bedeckt vom Meer, noch heute finden sich Muscheln, Seesterne und sogar versteinerte Haifischzähne. Wahlweise über St. Oswald oder St. Lorenzen zurück nach Eibiswald.

Tour 2: Cruisen an der Südsteirischen Weinstraße

SSW2539Start ist in Leutschach an der größten Klapotetz der Steiermark, einer hölzernen Windradvogelscheuche, die durch ihr Klappern Weinberge vor unliebsamen Mitpickern schützen soll. Richtung Leibnitz bieten vier kurvige Kilometer Gelegenheit, die Supertrapps der V-Rod frei atmen zu lassen. Gleich nach dem „Minigipfel“ links nach Eichberg und Trautenburg; später rechts zur Kreuzbergwarte. Bei dieser Gelegenheit können Sie auch gleich dem Kreuzbergwarte_BlickWeingut Rothschädl einen Besuch abstatten, denn dies befindet sich direkt unterhalb der Warte. Beiderseits der Kammstraße stehen Weinstöcke stramm Spalier. Ähnlich akkurat aufgereiht die Exponate im Oldtimermuseum in Großklein. Wenngleich ziemlich autolastig, ist das Museum sehenswert. Im Roller-und-Mofa-Keller erfreuen Schätze wie die „Sissy“ von Lohner das nostalgische Herz; ein Gastgarten stärkt den Magen. Noch mehr altes Gerät, darunter sogar Kultwagen aus der Bronzezeit, stellt in Großklein das Hallstattzeitliche Museum aus. Über Fresing und Kitzeck – da schon wieder was für schlechtes Wetter: das Steirische Weinmuseum; außerdem der für sein Sulmtaler Huhn berühmte Kappel-Wirt – nach Einöd und Heimschuh. Ein paar Serpentinen hoch zum Schloss Seggau, wo im Bischöflichen Weinkeller Verkauf und Führung zur Verführung werden können, und dann gleich weiter nach Leibnitz mit einladenden Straßencafés am Rathaus; für die Ausgrabungen der ehemaligen Römerstadt Flavia Solva bleibt leider keine Zeit, scusi. Raum, am besten kubikmeterweise, bräuchte man in Ehrenhausen im Kunstamt, eine originelle Gastwirtschaft, wo alles bewegliche Interieur gekauft und gleich mitgenommen werden kann. Via Gamlitz und Sulztal schließt sich die Runde in Leutschach. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann nachschenken: Es gibt auch noch Schilcher-, Sausaler- und Klöcher Weinstraße.

Anreise:
Die Südsteirische Weinstraße erreicht man am schnellsten von Passau aus über die Autobahn via Wels und Graz Richtung Maribor, Abfahrt Spielfeld kurz vor der slowenischen Grenze. Alternativ bietet sich von München aus die Strecke über Salzburg, Villach und Klagenfurt nach Völkermarkt an; von der Abfahrt Griffen ist es nicht mehr weit bis Lavamünd, westlichster Punkt der beschriebenen Tour. Wer lieber mit der Bahn anreist, kann den Autozug nach Villach nutzen (www.dbautozug.de).

Text und Fotos: Klaus H. Daams, H. Frombeck